Spalier für den Kaiser
Donnerstag, 19. Oktober 1911
Im Herbst 1911 erreichte den Präsidenten der St. Sebastianus Bruderschaft ein Schreiben, das für einige Aufregung im Dorf gesorgt haben dürfte: Das Bürgermeisteramt Lechenich lud die Bruderschaft ein, sich bei der Durchfahrt Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. zur Spalierbildung aufzustellen – Fahnen und Mitglieder in Reih und Glied am Straßenrand, um dem Kaiser und König beim Vorbeifahren die Ehre zu erweisen.
Der Anlass war Teil einer mehrtägigen Reise Wilhelms II. durch das Rheinland vom 18. bis 20. Oktober 1911. Offiziell als privater Verwandtenbesuch in Bonn angekündigt, geriet die Fahrt schnell zu einer Serie öffentlicher Auftritte: Bonner Studenten organisierten einen Fackelzug, im Ahrtal säumten jubelnde Menschenmengen die Straßen – und auch auf der Route durch Lechenich sollte der Kaiser mit gebührendem Empfang rechnen dürfen.

Foto: Sammlung Dr. Frank Bartsch.
In der Generalversammlung vom 15. Oktober 1911 beriet die Bruderschaft über die Einladung. Der Präsident machte deutlich, dass er keinen Zweifel an der Antwort ließ:
Unsere alte ehrwürdige Bruderschaft sei verpflichtet, sich an der Gastlichkeit zu beteiligen
– ein Satz, der einiges über das Selbstverständnis des Vereins verrät. Die Versammlung stimmte einstimmig zu, und der Präsident erklärte sich bereit, eigens einen Wagen zu bestellen, um die Mitglieder von Gymnich nach Lechenich zu bringen.
Wie viel Herzblut die Mitglieder in die Sache steckten, zeigt eine kleine Randnotiz im Protokoll: Der Gymnicher Gastwirt Bernard Cunibert Kalscheuer war „so freundlich” und zapfte den versammelten Mitgliedern spontan ein Fass Bier an – „welches den Mitgliedern wohl bekam”. Der Präsident bedankte sich dafür eigens in einer kurzen Ansprache.
Wie der Tag selbst verlief, hat das Protokollbuch leider nicht festgehalten. Die Vorfreude und der organisatorische Eifer sind uns überliefert – der Bericht vom eigentlichen Ereignis fehlt.
Quelle: Protokollbuch der St. Sebastianus Bruderschaft Gymnich 1891–1928, Generalversammlung vom 15. Oktober 1911, S. 138.